Urlaub in Holland - Masochismus oder Widerspruch in sich (eine Glosse)

Nun, wenn ich zu Hause - in Deutschland - bin, und es wird warm, oder besser: es sollte warm werden, und wenn mein Kalender mir sagt, es kommt die Zeit ohne frühes Aufstehen, ohne Stress und Hektik, ohne Termine, ohne Auto, ohne Rückenschmerzen von der Arbeit. Kurz: es kommt die Urlaubszeit. Also, wenn diese Zeit naht, dann weiß ich schon, was "die Anderen" sagen, wenn ich auf die Frage antworte, wo es denn hingeht: "Ist ja auch ganz schön". So als würde ich zum achten Mal hintereinander Vater eines Mädchens oder hätte im Lotto den 50-Euro-Trostpreis gewonnen, nur weil ich vergessen habe, ein Kreuz bei der Super-über-Hyper-Glückszahl zu machen. Ja, ich bekenne frei heraus: Ich fahre im Urlaub nach Holland.

Mit diebischer Freude höre ich zu Beginn der großen Ferien die Verkehrsdurchsagen von BR 3, sehe die unendlichen Autoschlangen im Fernsehen, oder lasse mir von der Unfreundlichkeit der Pauschaltouristen am LTU-Schalter erzählen, die ihren Frust über das Einpferchen für mehrere Stunden in viel zu enge Sitzreihen schon im Voraus mit Alkohol erfolglos zu bekämpfen versuchen.

Ich hasse es, wenn mir der Hotelchef nach dieser Tortour, die jeden Tierliebhaber umgehend auf die Palme gebracht oder zu spontanen Befreiungsaktionen veranlasst hätte, zu mir sagt, mein Hotelzimmer sei noch eine kleine Weile belegt, aber man hätte schon einen vorübergehenden Ersatz im Nachbarort gefunden. Ich ärgere mich unendlich, wenn ich den "Meeresblick" wegen meiner eingeschränkten Beweglichkeit und mangels Vertrauen in die Geländerkonstruktion nicht genießen kann, wenn sich der kurze Weg zum Strand nur mit salzreichen Zwischenmahlzeiten bewältigen lässt, wenn die stimmungsvolle Atmosphäre ein anderer, wenngleich wenig passender Begriff für den Bagger im Nachbargrundstück oder die Discomusik bis in den frühen Morgen ist.

Ich empfinde es als eine Unverschämtheit, wenn ich eine Menge Geld bezahle, um nach dem Frühstück (zwischen 7.30 und 9.00 Uhr) an einen absolut leeren Pool zu kommen, an dem auf jedem Liegestuhl ein Handtuch mit dem Namen des Vorgängerhotels liegt, der Strand aber wegen absoluter überfüllung ebenfalls nicht zu betreten ist.

Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich den ganzen Tag unerzogene Kinder und entfremdete Jugendliche neben mir ertragen muss, welche über Stunden ohne Unterlass mit ihrem piepsenden, knallenden und ratternden Gameboy "spielen". Beim Abendessen (zwischen 18.00 und 19.30 oder 20.00 und 22.00 Uhr) habe ich vor lauter Wut keinen Hunger und genehmige mir nur ein großes Eis. Ein ebenso großer Fehler, wie sich in der Nacht auf der Toilette herausstellt. Zumindest erspare ich mir dadurch in den nächsten Tagen ein Teil der o. g. Probleme. Nach zwei oder drei Wochen "Urlaub" trifft mich beim Erhalt der Abschlussrechnung fast der Schlag.

Aber nun geht es nach Hause, endlich. Bin ich mit dem Auto, stelle ich trotz sicherem Tiefgaragenplatz erst einmal die versicherungstechnisch notwendige Einbruchsanzeige bei einem völlig lustlosen und genervten Dorfpolizisten und tröste mich damit, dass der Lack auf der Beifahrerseite ohnehin schon etwas angegriffen und das Fenster sowieso nie richtig dicht war. Und um das Radio ist es auch nicht wirklich schade, da es keine MP3's abspielte. Am Montag muss ich dann vor der Arbeit unbedingt noch schnell zu meinem Hausarzt. Vielleicht weiß der, was das für kleine rote Pickel sind, die fürchterlich jucken und immer mehr werden. Und ob das Fieber auch davon kommen kann. Hoffentlich muss ich nicht das Bett hüten, da mein Rücken die durchgelegenen Matratzen im Hotel nicht so gut vertragen hat, und ich seit zwei Wochen wie ein Junkie jeden Morgen erst einmal eine Linie Diclo (= Schmerzmittel) reinziehen muss, um über den Tag zu kommen.

Aber das alles zu ertragen, ist es Wert, weil ich zu Hause jedem erzählen werde, wie schön es in fernen und unbekannten Ländern ist, und dass das Kennen lernen der fremden Kultur ein erhebendes und bewusstseinserweiterndes Gefühl ist, was mit Geld eigentlich nicht zu bezahlen ist. (Zumindest konnte ich die Kosten von meinem Konto nicht bezahlen.)

Apropos "fremd": Mein Hausarzt kannte die kleinen, roten Pickel auch nicht und schickte mich deshalb sofort zu einem erfahrenen Kollegen ins tropenmedizinische Institut.

Mein Chef hat in der Zeit, in der ich nun krankgeschrieben bin, gemerkt, dass sein Betrieb auch ohne mich ganz gut läuft. Das hat er mir letzte Woche auch gesagt. Aber mit meiner Erfahrung und meinem erweiterten Bewusstsein, so sagte er weiter, hätte ich wohl keine großen Schwierigkeiten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, der meinen Fähigkeiten ohnehin besser entsprechen würde ...

Das alles kann mir in Holland kaum passieren, und deshalb mache ich hier Urlaub. Natürlich lese ich mit ein wenig Neid die Reiseberichte in den einschlägigen Zeitschriften, und natürlich träume ich von einem Super-Traum-Exotic-Tauch-und-Segelurlaub in der Karibik mit menschenleeren, sauberen Stränden, guter Versorgung bei moderaten Preisen, hygienischen Verhältnissen und freundlichen Staatsbeamten in einer sicheren Umgebung. Und manchmal träume ich auch von der Wollmilcheierlegendendackelsau ...

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